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Die neue P01, Tudors ganzer Stolz bei der Baselworld 2019

Uns war nicht wirklich klar, was genau wir von Tudor bei der Baselworld 2019 zu erwarten hatten, sicher ist jedoch, dass wohl niemand mit einem Flagship-Modell gerechnet hat, das von einem obskuren, nie zur Marktreife gelangten Prototypen aus den 1960er-Jahren inspiriert ist. Was ist nun von der Black Bay P01 zu halten?

Alle vier Neuvorstellungen, die Tudor 2019 besonders hervorhebt, sind Black Bays. Die starke Fokussierung auf diese Modellfamilie mag für die Marke ungewöhnlich erscheinen, zumal viele Beobachter sehnsüchtig auf die Auffrischung anderer Familien wie etwa der Submariner gewartet hatten. Während die Black Bays in Bronze und Bicolor (auf die wir in einem weiteren Artikel eingehen werden) jedoch unserer Vorstellung von der robusten Sportuhrästhetik der Marke entsprechen, kann die ebenso großartige wie unerwartete Lancierung der P01 als stilistischer Sprung angesehen werden.

Geschichte

Gerne stellen wir den historischen Kontext her, in den Tudor dieses Modell eingeordnet wissen möchte. P01 steht für „Prototyp“ und bezeichnet ein spezielles Modell, das in den späten 1960er-Jahren entwickelt, aber nie in Serie gefertigt oder verkauft wurde. Zu dieser Zeit belieferte Tudor mehrere Streitkräfte mit Armbanduhren, darunter auch die US-Marine, welche mit der Submariner Ref. 7928 ausgerüstet wurde. Die Amerikaner suchten jedoch etwas Besseres und legten Tudor neue technische Anforderungen vor. Damit war das Projekt mit dem Codenamen montre plongeur „Commando“ geboren – Tudors Forschungs- und Entwicklungsprojekt für eine neue Marinetaucheruhr.

Ungünstige Entwicklungen führten jedoch dazu, dass die US-Marine sich schließlich für das Nachfolgemodell der Submariner (Ref. 7016) als neue Uhr entschied, sodass das Projekt Commando zu Grabe getragen wurde. Niemand hätte jemals davon erfahren, schließlich handelte es sich um ein militärisches Geheimnis – jedoch hatten Tudors Entwicklungsbemühungen für das nie gefertigte Modell ein Patent hervorgebracht, das öffentlich zugänglich war. Seit dieser Zeit wurde in informierten Kreisen immer wieder spekuliert, für welche Zwecke diese Technik eingesetzt wurde. Hatte es die beschriebene Uhr überhaupt jemals gegeben?

Nach jahrzehntelangem Schweigen beendete Tudor schließlich das Rätselraten und bestätigte die Entwicklung der Uhr bis zum Prototypenstatus: Fünf Exemplare waren gefertigt worden, die sich allesamt noch im Besitz von Tudor befinden – und eins von diesen war tatsächlich bei der Baselworld in natura zu bewundern. Als Hommage an diese geheimnisvolle und extrem seltene Tudor-Legende hat die Marke nun die neue P01 kreiert.

Ein neuer Prototyp

Die Uhr ist keine direkte Kopie des Originals, aber stark von diesem inspiriert. Die markante Krone ist bei 4 Uhr positioniert und die beidseitig drehbare Lünette aus gebürstetem Edelstahl mit 12-Stunden-Markierung gleicht der des Originals. Zwar kommt das ursprüngliche Patent für ein Endelement-System, das sowohl die Verriegelung als auch die Zerlegung der Lünette (zur Erleichterung der Wartung) ermöglicht, bei der neuen P01 nicht zum Einsatz, jedoch wurde stattdessen ein neues Patent mit dem gleichen einzigartigen Endelement an beiden Seiten des Gehäuses entwickelt. Der klauenartige Mechanismus ermöglicht die Arretierung der Lünette in der gewünschten Position.

Klare Unterschiede zwischen Neumodell und Original sind auch an weiteren Merkmalen auszumachen. Letzteres war mit Mercedes-Zeigern, dem alten Rosen-Logo und einem großen Dreieck am oberen Endelement ausgestattet, während die neue Version den unverkennbaren roten Schriftzug im modernen Stil auf dem Zifferblatt trägt. Die Verwendung von Snowflake-Zeigern verzeihen wir gerne, schließlich jährt sich ihre Erfindung im Jahr 2019 zum 50. Mal. Insgesamt weisen beide Uhren eine sehr ähnliche Ästhetik auf, die allerdings für Tudor ungewohnt anmutet.

Proto-Style

Tudor wird traditionsgemäß mit opulenten, warmen Farben in Verbindung gebracht: Burgunderrot, Tiefblau, Schokoladenbraun – oder auch gebürsteter Bronze wie im Falle der weiteren großen Neuvorstellungen anlässlich der Baselworld 2019. Nichts davon findet sich bei der P01 – sie ist aus blankem, schlichtem Stahl gefertigt und wirkt auf den ersten Blick wie eine Uhr, bei der die Lackierung vergessen wurde. In Verbindung mit den großen Endelementen mutet die Uhr schwer und geradezu industriell an, wirkt jedoch in natura deutlich gemäßigter. Angetrieben wird die Uhr übrigens vom Manufakturkaliber MT5612, was angesichts des aufgerufenen Preises von 3.680 € durchaus bemerkenswert ist.

Der spartanische Look der P01 wird sicherlich Bewunderer, aber auch kritische Stimmen auf den Plan rufen. Diese markante Uhr setzt ein ausdrucksstarkes Statement und fordert so zur Polarisierung heraus. Ein solches Statement kann man sicherlich auch als Zeichen des wachsenden Selbstbewusstseins der Marke deuten. Bei Tudor fühlt man sich nicht mehr nur den sicheren Publikumslieblingen verpflichtet, sondern hat den Mut gefunden, kreative und unkonventionelle Konzepte zu verfolgen und auch ungewöhnliche Inspirationsquellen auszuloten. Sollen wir es wagen, die P01 als verrückte Idee zu bezeichnen? Wenn ja, so ist dies durchaus als Kompliment zu verstehen.

John Wallis
John Wallis

Living and working in London, John has been writing about watches since graduating university. He got his start at SalonQP, London's finest watch show, where he was inspired by the breadth and creativity of the modern industry. His fascination with mechanical horology has only grown from there.

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