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Uhrenwissen: Die Skelettuhr, ein Trend mit Tradition

Die Skelettuhr stellt eine Besonderheit in der Welt der Uhren dar. Entwickelt wurde sie bereits im 18. Jahrhundert, doch dauerte ihr Wandel zum Kultobjekt im Luxussegment bis in die 1970er Jahre. Dabei übt der Blick in das Gehäuse des Zeitmessers seit jeher auf Uhrenliebhaber eine enorme Faszination aus. Wir nehmen Sie mit auf eine Reise durch die Geschichte der skelettierten Uhren.

Die Enthüllung des Uhrwerks

Das Konzept der Skelettuhr geht auf die technischen Grundlagen des Uhrwerks zurück. Der französische Uhrmacher Jean-Antoine Lépine kam in den 1760er Jahren auf die radikale Idee, Taschenuhren flacher zu machen. Bis dahin existierte das heute bekannte Grundmodell aus Platinen und Brücken noch nicht. Kurze Zeit später bemerkte Lépines ehemaliger Meister André-Charles Caron, dass er durch das Offenlegen des Mechanismus das Kaufinteresse seiner Kunden erheblich steigern konnte.

Die Skelettierung der Uhr enthüllte ihre Schönheit und die Komplexität des Uhrwerks. Dabei machten sie das Zusammenspiel der Zahnräder, Federn und Hebel zu einem faszinierenden optischen Genuss. Uhrmacher ergänzten den inneren Mechanismus durch Gravuren, Verzierungen und Polituren. Jede Technik erforderte den Einsatz von Spezialwerkzeugen und Fertigkeiten, die mittlerweile zu einer jahrhundertealten Tradition geworden sind.

Quarzkrise sorgt für Renaissance der Skelettuhr

Auch wenn die Skelettuhr schon im 18. Jahrhundert erfunden wurde, konnte sich der Stil erst über 200 Jahre später wirklich durchsetzen. Vereinzelte Spuren von modernen skelettierten Zeitmessern lassen sich ab den 60er Jahren finden. In dieser Zeit sprechen die Archive von Vacheron Constantin von einer offenen, extrem schmalen Uhr aus dem Jahr 1964. Außerdem erwähnen sie eine Serienfertigung des Kalibers 1003 im Jahr 1970. Jedoch begann die Idee erst im Zuge der Quarzkrise Früchte zu tragen.

Als die einfach herzustellenden und sehr genauen Quarzuhren auf den Markt kamen, wehrten sich die Uhrmacher aus dem Luxussegment mit Stil und handwerklichem Können. Die skelettierte Uhr, deren Zifferblatt all ihre komplizierten Innenfunktionen offenbart, war ein sichtbarer Beweis für die Echtheit eines Zeitmessers. Kurz nach der Quarzkrise begannen Manufakturen wie Patek Philippe, Vacheron Constantin und Jaeger-LeCoultre in den 70er Jahren, wieder in Skelettuhren zu investieren. Audemars Piguet gründete sogar eine ganze Abteilung, die sich der Herstellung dieser Uhren widmet.

Für etwa 20 Jahre erlebte die Skelettuhr eine Blütezeit. Die Kombination aus Handarbeit und dem beinahe barocken Erscheinungsbild des offenliegenden Mechanismus halfen ihr, sich als Luxusprodukt neu zu etablieren. Die Meister der Uhrmacherkunst vereinten die Skelettierung mit anderen dekorativen Fertigkeiten, z. B. Emaillierung, Gravur, Fassung von Edelsteinen und Finissage. Facharbeiter, die dieses Kunsthandwerk beherrschten, waren jedoch knapp und dementsprechend sehr gefragt.

Veredelungstechniken von Skelettuhren

Von Hand: Das Motiv wird zunächst mit einer spitzen Ritznadel nachgezeichnet und dann mit einem Burin (Spezialmeißel) graviert. Einige Bestandteile sind mit verschiedenen Motiven verziert und Teile des Uhrwerks werden entfernt, so dass ein gitterartiges Aussehen entsteht.

Mit der Maschine: Hierbei gibt es verschiedene Arten. Eine möglichst genaue Gravur kann durch eine chemische Ätzung erreicht werden: Man beschichtet ein Negativ des Designs mit einem UV-empfindlichen Lack. Anschließend wird es mit UV-Strahlen bestrahlt und in ein saures Reagenz getaucht, das nur die durch den UV-Lack ungeschützten Bereiche angreift. Für Buchstaben und Zahlen auf Uhrwerken werden oft andere Methoden wie z.B. die mechanische Gravur verwendet. Auch die Lasergravur kommt zum Einsatz.

Veredelungsmuster bei skelettierten Uhren

Guillochierung: Ein aufwendiges graviertes Muster, das auf die Zifferblätter der Uhren aufgetragen wird und typischerweise aus verwobenen Linien besteht.

Cotes de Geneve (Genfer Streifen): Eine Art der Veredelung, die ursprünglich von Hand, heute aber oft maschinell vorgenommen wird. Auf das Uhrwerk aufgetragen hat sie das Aussehen von Streifen.

Perlage, auch bekannt als Perlee: Eine günstigere Form der Dekoration als Cotes de Geneve, die aus sich überlappenden Kreisen besteht. Sie dient auch dem praktischen Zweck, Staubpartikel aufzufangen und zu verhindern, dass sie in das Uhrwerk eindringen.

Skelettuhren schaffen den Sprung ins 21. Jahrhundert

Um die Jahrtausendwende etablierte Richard Mille seine gleichnamige Marke mit der Unterstützung von APRP. Die Uhren waren die ersten seit Lépines, die fast vollständig auf Grundkörper und Platinen verzichteten. Sie etablierten die Idee, ein Uhrwerk zu kreieren, das standardmäßig skelettiert war. Dieses war die größte Innovation im Uhrendesign seit Jahrzehnten.

Die Schule der Skelettierungs-Anhänger begann zu wachsen. Zu den engagiertesten Praktikern gehören unabhängige Avantgarde-Uhrenmarken wie Angelus, Manufacture Royale, Armin Strom und Roger Dubuis. Aber auch traditionellere Manufakturen wie Ulysse Nardin, Hublot, Chronoswiss und Cartier haben inzwischen skelettierte Modelle auf dem Markt. Hublot stellte 2009 sein erstes offenes Werk vor, TAG Heuer und Zenith zogen mit der Carrera 01 bzw. der El Primero nach.

Auch wir bei CHRONEXT haben uns die Chance, eine eigene Skeleton-Uhr zu entwickeln, nicht entgehen lassen. Anlässlich unseres 5-jährigen Firmenjubiläums erschien 2018 in Zusammenarbeit mit Linde Werdelin eine limitierte Sonderedition. Eingraviert auf dem Gehäuse: „CHRONEXT limited edition 5th anniversary hand made x of 23″.

Foto der limitierten CHRONEXT-Sonderedition in Zusammenarbeit mit Linde Werdelin

Minimalismus vs. Traditionalismus – Ein Markt spaltet sich

Das Vordringen der traditionelleren Hersteller in den Skeleton-Markt löste die Entstehung eines weniger extremen Stils aus. Die Manufakturen begannen, die aufwendigen Gravuren durch schwarz und grau eloxierte Brücken zu ersetzen. Dadurch wollte man das Zusammenspiel von gemaserten und matten Strukturen wirken lassen. Eindrucksvolle Beispiele für diese puristische Stilrichtung sind die skelettierte Royal Oak von Audemars Piguet und die Girard-Perregaux Laureato. Heute gibt es nur noch wenige Marken, die dem traditionellen Ideal einer handgravierten skelettierten Uhr gerecht werden: Kaum jemand fertigt die offen gearbeiteten Zeitmesser ohne automatisierte Maschinen.

Vacheron Constantin bietet – entsprechend der Rolle als technologischer Vorreiter – eine der größten Kollektionen an skelettierten Uhren auf dem Markt. Inzwischen wird jedes neue Uhrwerk wird hinsichtlich seiner Skelettierfähigkeit geprüft. Die Manufaktur verfügt über genügend Manpower, um die gesamte Gravur und Veredelung im eigenen Haus durchzuführen: Maschinen setzen die Prozesse in Gang und übergeben die Arbeit anschließend an die Handwerker.

Der Markt der Skeleton-Uhren ist gespalten. Einerseits sind Manufakturen wie Hublot und Girard-Perregaux dem neuen Minimalismus verschrieben. Andererseits unterstreichen Vacheron Constantin, Patek Philippe und Glashütte Original ihre Hingabe zum traditionellen Look. In der Uhrmacherkunst ist immer Raum für Tradition. Gleichzeitig ist die Branche stets in Bewegung Richtung Moderne – und immer häufiger gehört eine skelettierte Uhr dazu.

Indra Faber
Indra Faber

Indra hat sich bei CHRONEXT mit dem Uhren-Fieber infiziert und eine Vorliebe für anspruchsvolle Komplikationen entwickelt. Sie taucht gerne tief in die Geschichte der Uhren ein und inspiziert in ihrer Freizeit die Handgelenke ihrer Mitmenschen. Gelegentlich träumt sie von angeregten Diskussionen mit anderen Uhren-Nerds und davon, eine Hublot Classic Fusion ihr Eigen zu nennen.

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